Eine Marke von
Veröffentlicht inFamilie, Kind & Teenager

Mit Teenagern über Politik reden, ohne ihnen eine Meinung aufzudrängen

Teenager bei einer Demonstration.
© Getty Images/ jacoblund

Vorab im Video: Forschung erklärt, warum dein Teenager jetzt eher auf Fremde hört als auf dich

Politische Diskussionen mit einem Teenager können herausfordernd sein. So redest du mit ihm über Parteien, Werte und Demokratie.

Politik ist bei uns zu Hause schon eine ganze Weile Thema. Wir diskutieren nicht allabendlich am Esstisch über alle politischen Geschehnisse des In- und Auslands, wohl aber, wenn Wichtiges passiert. So wie die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt Anfang September, die Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern oder die Wahl zum Abgeordnetenhaus in Berlin am 20. September 2026.

Besonders bei der Berliner Wahl ist aufgefallen, dass junge Menschen anders wählen. So anders, dass die Partei Die Linke von fast jedem bzw. jeder zweiten Wähler*in zwischen 16 bis 24 Jahre gewählt wurde. Ganze 43 Prozent möchten Die Linke und Spitzenkandidatin Elif Eralp als Bürgermeisterin Berlins sehen. (Insgesamt schaffte es Die Linke in Berlin auf ein vorläufiges Wahlergebnis von 25,7 % – Stand 21.09.26, 3:43 Uhr – und damit an die Spitze der Wahl zum Abgeordnetenhaus.)

Wenn Jugendliche politisch anders denken als ihre Eltern, kann das zu Hause herausfordernd werden. Wir Eltern wollen sie und ihre Meinung ernst nehmen, ihnen Orientierung geben und gleichzeitig nicht das Gefühl vermitteln, dass sie unsere Meinung übernehmen müssen.

-> Lies auch: Als Eltern zurückhalten: 7 Erfahrungen, die Teenager selbst machen müssen

Politische Bildung zu Hause bedeutet nicht, dass wir unseren Kindern erklären, was sie zu denken haben. Es geht darum, ihnen zu helfen, ihre eigene, fundierte Meinung zu bilden. Das heißt nicht, dass wir Eltern keine Haltung zeigen dürfen. Gerade bei demokratischen Grundwerten, Menschenwürde und der Abwertung anderer Menschen ist es wichtig, ganz klar zu sein.

Warum gerade jetzt politische Gespräche mit Teenagern wichtig sind

Politik ist kein ‚alte-weiße-Männer‘-Thema mehr. Vielleicht sind die jungen Wähler*innen aus Berlin nicht repräsentativ für alle jungen Menschen. Ihre Stimmen zeigen aber, dass sich viele Jugendliche mit politischen Fragen auseinandersetzen und sich einbringen wollen.

-> Lesetipp: Pubertät: 9 Sätze, die dein Teenager nie von dir hören sollte

Und genau das sollte für alle Eltern ein Anlass sein, nicht nur über aktuelle Wahlergebnisse zu sprechen, sondern auch darüber, wie politische Meinung entsteht. Was beschäftigt unsere Teenager, welche Themen sind ihnen wichtig und wie gehen wir damit um, wenn sie Dinge sagen, die uns irritieren oder vielleicht erschrecken?

Keine Sorge, man muss nicht sofort auf jede dieser Fragen eine Antwort haben. Wir Eltern müssen auch nicht so tun, als seien uns alle politischen Meinung gleich nah. Entscheidender ist, dass wir unseren Kindern zuhören, ihnen Informationen zugänglich machen und ihnen zutrauen, selbst zu denken.

Erst zuhören, statt direkt zu widersprechen

Teenager haben ihren eigenen Kopf und ihre ganz eigene politische Meinung. Steht die im Kontrast zur Meinung der Eltern, muss man ganz schön kämpfen, nicht dagegenzuhalten.

Eine Aussage einfach stehen zu lassen, ist hart. Wir wollen schließlich verhindern, dass unsere Kinder falsche Informationen glauben oder Positionen übernehmen, die wir problematisch finden.

Es lohnt sich aber trotzdem, noch mal nachzufragen und herauszufinden, was genau das Kind meint. Wie ist es zu dieser Einschätzung gekommen? Hat es sich selbst informiert, oder vielleicht etwas auf TikTok oder Instagram gesehen oder im Freundeskreis aufgeschnappt?

-> Lies auch: 6 Dinge, bei denen wir Teenager völlig unterschätzen

Zuhören ist dabei keine Zustimmung. Es gibt dem Teenager aber die Chance, seine Gedanken zu erklären. Und dann stellt man vielleicht fest, dass in einer radikalen Aussage Angst vor der Zukunft steckt, oder das Gefühl, nicht gehört zu werden oder einfach Frust.

Man muss sich nicht immer einig sein

Eigentlich waren es über viele Jahre wir Eltern, die den Kindern erklärt haben, wie Dinge funktionieren. In Politikfragen ist da aber meistens Schluss. Denn Teenager wollen nicht hören, wie sie die Welt zu sehen haben. Sie wollen sich ausprobieren, Position beziehen und auch mal widersprechen. Und das kann eben auch anstrengend sein und für Spannungen sorgen.

Gott sei Dank müssen sich Eltern und Teenager aber nicht immer einig sein, und gewinnen muss man Diskussionen auch nicht, um für Ruhe im Familienalltag zu sorgen.

Politische Bildung bedeutet nämlich auch, unterschiedliche Argumente zu hören und sich damit zu beschäftigen. Kinder dürfen so früh wie möglich lernen, politische Versprechen zu hinterfragen, Argumente zu prüfen oder verschiedene Positionen miteinander zu vergleichen.

-> Lesetipp: Kritik formulieren, die dein Teenager annimmt: So geht’s

Und dann kann man sich auch mal darauf einigen, dass man sich eben nicht einig ist und es darauf beruhen lassen.

Keiner soll seine eigene Meinung verstecken müssen

Wir Eltern haben auch politische Themen, die uns wichtig sind, Entscheidungen, die wir fragwürdig finden und Dinge, die wir uns von der Regierung wünschen würden. Und die haben in Diskussionen mit dem Teenager, der vielleicht anders denkt, auf jeden Fall eine Daseinsberechtigung. Eltern müssen nicht politisch neutral sein oder so tun, als wären sie es.

-> Auch lesen: Erziehung: Warum es ausreicht, als Eltern ‚gut genug‘ zu sein

Man kann immer eine eigene Meinung haben und eine klare Haltung, ohne, dass man so tun muss, als seien die eigenen Einschätzungen immer unumstößliche Wahrheiten.

Die AfD ist nicht einfach nur anderer Meinung

Politische Offenheit bedeutet nicht, dass wir jede Aussage unkommentiert stehen lassen müssen. Gerade bei der AfD ist es wichtig, zwischen einer sachlichen Auseinandersetzung mit politischen Themen und der Normalisierung von menschenfeindlichen oder demokratiefeindlichen Positionen zu unterscheiden.

Eltern sollten ihren Kindern unbedingt erklären, warum sie bestimmte Positionen der AfD ablehnen und das möglichst konkret. Geht es um Aussagen zur Migration, um den Umgang mit Minderheiten, um das Verständnis von Demokratie oder um konkrete politische Forderungen? Je genauer wir benennen können, was wir problematisch finden, desto eher entsteht ein Gespräch, in dem es um Inhalte geht (und nicht nur um Vorwürfe).

-> Auch lesen: Diese 10 Verhaltensweisen kosten Eltern den Respekt ihrer Kinder

Für mich gehört zu einem solchen Gespräch auch die klare Haltung, dass Menschenwürde, Gleichberechtigung und demokratische Grundrechte keine beliebig verhandelbaren Werte sind.

Eine Partei oder eine politische Aussage, die Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder anderer Merkmale pauschal abwertet oder ihnen grundlegende Rechte abspricht, muss nicht als gleichwertige Partei behandelt werden.

Klar in den eigenen Werten zu sein, und dem Kind eine selbstständige Meinungsbildung zuzutrauen, schließen sich nicht aus.

Woher kommen die Informationen?

Politik wird heute nicht mehr nur im Unterricht besprochen oder in Nachrichten diskutiert. Sie taucht auch da auf, wo Teenager unterwegs sind, auf Social Media. Memes, Kommentare, Videos oder Beitrage von Influencer*innen sind dabei aber keine klassischen politischen Informationen, sondern kommen oft als einfache Erklärungen für Probleme daher.

Teenager müssen also lernen, wie sie diese Informationen bewerten und einordnen können. Es gilt nicht, ‚bloß nichts aus dem Internet‘ zu glauben, sondern genauer hinzuschauen.

  • Wer verbreitet die Informationen und mit welcher Absicht?
  • Gibt es verlässliche Quellen, die die Behauptungen bestätigen?
  • Geht es um eine Tatsache oder eine Meinung?
  • Fehlen evtl. wichtige Informationen, die den Sachverhalt womöglich in einem anderen Licht erscheinen lassen?

Bei politischen Fragen sollte es nie darum gehen, wer recht hat oder recht behält, sondern darum, sich mit Informationen auseinanderzusetzen und die eigene Einschätzung ggf. zu ändern.

-> Lies auch: Smart, aber überfordert? So machst du dein Kind stark gegen Fake News & Filterblasen

Politik steckt auch im Kleinen

Meistens sprechen wir dann über Politik, wenn Wahlen anstehen oder Nachrichten große Wellen schlagen. Politik oder politische Werte gibt’s aber auch in kleinen, alltäglichen Situationen zu finden.

Wie reden wir über Menschen, die anders leben als wir? Wie reagieren wir auf unterschiedliche Meinungen bei Freund*innen? Was machen wir, wenn jemand ausgegrenzt wird? Und wie reagieren wir, wenn unser Kind einen abwertenden, beleidigenden oder diskriminierenden Witz macht?

Das sind Situationen, die immer eine Möglichkeit bieten, über Respekt, Gleichberechtigung und Verantwortung zu sprechen. Dabei sollte man immer versuchen, zwischen der Aussage und dem Menschen zu unterscheiden.

Ein Teenager, der beispielsweise eine problematische Aussage oder einen diskriminierenden Witz wiederholt, braucht vielleicht einfach eine Erklärung oder eine kritische Nachfrage, nicht aber, eine Abwertung seiner Person.

Unsere Kinder müssen nicht dieselben politischen Überzeugungen wie wir haben. Aber die Würde anderer Menschen darf nie zur Diskussion stehen.

Weitere Lesetipps: