Ein von mir sehr häufig genutzter Satz, wenn die Teenager und ich uns im selben Raum befinden, ist: „Leg doch mal das Handy weg.“ Während mein Handy oft mit leuchtendem Display neben mir liegt, weil ich selbst gerade noch eine Nachricht gelesen habe, an einem Post hängengeblieben bin oder nur kurz schauen wollte, ob es etwas Neues gibt. Aber das war ja auch was anderes, rede ich mir gerne ein.
Es gibt viele Gründe, warum wir Eltern unseren Kindern Regeln geben, die für uns selbst nur gerade so oder auch gar nicht gelten. Kinder brauchen schlichtweg andere Grenzen als Erwachsene. Schließlich kann man als Erwachsener die Folgen des eigenen Handelns allgemein besser einschätzen.
Aber manchmal machen wir Eltern es uns mit dieser Erklärung vielleicht doch ein bisschen zu einfach.
Wir sehen bei unseren Kindern, was wir selbst verdrängen
Wir wissen, dass wir eigentlich schlafen sollten, statt abends noch eine Stunde im Bett zu scrollen. Wir wissen auch, dass die halbe Tüte Chips vor dem Abendessen uns den Appetit verderben wird. Und klar ist uns bekannt, dass man in aller Ruhe und nicht etwa vorm Fernseher essen sollte.
Und trotz unseres Wissens tun wir all diese Dinge. Weil Wissen und Verhalten zwei ganz verschiedene Dinge sind.
Bei unseren Kindern fällt uns dieser Unterschied nur viel schneller auf. Wenn der Teen zum X-ten Mal an diesem Tag auf sein Handy starrt, sehen wir das. Wir sehen, wie abwesend er die Gabel in den Mund schiebt, während seine Augen gebannt am TV hängen. Wir sehen, dass er eigentlich längst schlafen sollte und trotzdem noch online ist.
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Bei uns selbst sehen wir das nicht, denn da sind wir im Moment. Nur ein kurzer Blick aufs Handy, nur noch diese eine Folge, nur noch eine handvoll Chips. Und all das rechtfertigen wir gerne vor uns mit einem, „Das brauche ich gerade.“
Und so wird aus den vielen kleinen ‚Nur-mal-kurz‘-Momenten genau so ein Muster, nur dass uns keiner darauf hinweist oder uns Einhalt gebietet.
Wir wollen unseren Kindern etwas ersparen
Ich weiß, wie schwer es mir fallen kann, abends das Handy wegzulegen oder die geliebte Serie auszumachen. Und ich möchte nicht, dass meine Kinder diese Gewohnheit übernehmen.
Ich weiß, wie müde und schlecht ich mich am Morgen fühle, wenn ich abends kein Ende gefunden habe und ich möchte, dass meine Kinder ausreichend schlafen.
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Ich weiß, wie schnell aus ‚Ich kaufe nur eine Kleinigkeit‘ unnötiger Konsum wird und ich möchte meinen Kindern beibringen, nicht jedem Wunsch sofort nachzugehen.
Und genau deshalb stelle ich Regeln zu Hause auf, die verhindern sollen, dass meine Kinder diese Umwege, die ich schon gehen musste, selbst gehen müssen. Ich möchte sie einfach vor dem einen oder anderen Fehler bewahren.
Allerdings gibt es einen Haken an der Sache: Meine Kinder sind mittlerweile so groß, dass sie sehen und genau hinsehen, wie ich mit meinen eigenen Regeln umgehe. Und leider passt mein Verhalten und mein Gesagtes nicht immer zusammen.
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Erwachsene tragen Konsequenzen anders
Und trotzdem, glaube ich, ist es zu einfach, zu sagen, Erwachsene müssen sich gefälligst an alle Regeln halten, die sie ihren Kindern geben. Oder anders herum, Kinder müssen dieselben Freiheiten haben, die Erwachsene sich nehmen. Das funktioniert nämlich nicht.
Ein Kind kann nicht dieselben Freiheiten haben wie ein Erwachsener. Bleibe ich wochentags abends viel länger wach, muss das nicht bedeuten, dass auch meine 13-jährige Tochter bis Mitternacht aufbleiben darf.
Ich kann sehr gut entscheiden, wann ich was esse. Dieselbe Freiheit kann ich aber nicht einem (kleinen) Kind zumuten, das feste Mahlzeiten und einen verlässlichen Tagesrhythmus braucht.
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Ich darf mein Geld für etwas ausgeben, das ich nicht brauche. Von einem Kind, dass sein Taschengeld für eine größere Anschaffung spart, kann ich trotzdem verlangen, dass es darüber nachdenkt, sich spontan etwas zu kaufen.
Es gibt also sehr wohl einen Unterschied zwischen „Ich darf das und du nicht“ (weil ich erwachsen bin) und „Ich weiß, dass das Verhalten problematisch ist, verlange es aber trotzdem von dir.“
Ersteres gehört zum Erwachsenwerden bzw. -sein dazu (schließlich muss es sich auch mal lohnen, mehr Verantwortung zu tragen). Beim Zweiten lohnt es sich, genauer hinzuschauen, denn da ist es einfach ungerecht und heuchlerisch.
Manchmal geht’s nicht ums Verhalten, sondern die Situation
Manche Regeln haben weniger mit dem Kind, sondern mit uns selbst zu tun. Zum Beispiel die, „Beim Essen bleibt das Handy aus“-Regel. Klar finde ich Mahlzeiten ohne Bildschirm wichtig. Aber ganz oft bin ich auch einfach genervt davon, wie wenig ansprechbar meine Kinder sind, wenn sie mit einem Auge am Display hängen und erinnere deshalb an die Regel.
Selbes gilt vermutlich für das chaotische Teenie-Zimmer. Ich möchte natürlich, dass meine Kinder Verantwortung für ihre Sachen übernehmen. Gleichzeitig möchte ich aber auch einfach nicht jeden Tag Pacours über Klamottenberge und herumliegende Elektronik machen müssen.
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Falsch sind die Regeln und Grenzen deshalb keineswegs. Manchmal aber auch doch ein bisschen Bequemlichkeit meinserseits.
Auch wenn wir’s nicht (immer) sein wollen: Wir sind Vorbilder
Kinder werden nicht automatisch wie ihre Eltern. Sie sind keine kleinen Kopien von uns. Aber das eine oder andere übernehmen sie trotzdem von uns. Sie schauen, wie wir mit Stress, Ärger, Frust und auch Langeweile oder den eigenen Bedürfnissen umgehen.
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Greifen wir zum Beispiel in jeder freien Minute zum Handy, ist das Teil dessen, was sie als normalen Umgang mit dem Gerät verstehen und unserem Umgang mit Langeweile. Sagen wir ständig, wir haben keine Zeit, machen dann aber eine Kleinigkeit nach der anderen, sehen sie auch, wie wir mit unserer Zeit umgehen.
Und sagen wir Dinge wie, „Ich bin viel zu müde, aber ich muss noch schnell…“ und laden uns immer wieder neue Aufgaben auf, lernen sie nicht nur etwas über Verantwortung, sie erleben auch, wie schwer es uns fällt, persönliche Grenzen zu ziehen.
Das heißt jetzt natürlich nicht, dass wir unseren Kindern nur noch das vorleben dürfen, was wir perfekt beherrschen. Zum Glück nicht.
Wir dürfen zugeben, dass wir (am Abend) zu lange am Handy waren und deshalb müde sind, dass wir etwas gekauft haben, obwohl wir es gar nicht gebraucht hätten oder dass wir selbst keine Lust auf Putzen und Aufräumen haben.
All das macht unsere Regeln nicht überflüssig, aber es zeigt unseren Kindern, dass Erwachsene auch nicht immer alles im Griff haben.
Regeln müssen einen Grund haben
Die Frage bei Regeln für unsere Kinder sollte immer sein, warum man sie eigentlich augestellt hat. Und wenn ich selbst ständig genau das mache, was ich meinem Kind verbiete, kann ich mich zumindest schon mal fragen, ob die Regel wirklich für mein Kind wichtig ist oder ob ich etwas von ihm verlange, was ich selbst nicht schaffe(n möchte).

Vielleicht ist das Problem nicht, dass wir selbst nicht immer nach unseren Regeln leben. Sondern wenn wir so tun, als würden wir das tun und uns besser darstellen als wir sind.
Expertin für Familien- und Erziehungsthemen
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Denn unsere Kinder sollten unbedingt sehen, dass wir manchmal wissen, was richtig wäre und trotzdem den Keks vorm Essen vertilgen, noch eine Folge schauen obwohl es viel zu spät ist oder das Handy mit ins Bett nehmen. Dann können wir ihnen nämlich auch zeigen, wie man merkt, dass man selbst etwas ändern sollte.
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