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„Kannst du nicht mal mitdenken?“ Warum wir zu Hause so schnell unfair werden

Geswister tragen Haifisch- und Dino-Maske und stehen sich gegenüber.
© Getty Images/ Catherine Falls Commercial

Vorab im Video: Warum es manchmal ein bisschen dauert, bis Geschwisterliebe wachsen kann

Warum bekommen ausgerechnet die Menschen unsere schlechteste Seite ab, die wir am meisten lieben?

Es gibt Sätze, die würden wir zu anderen nie sagen. Nicht zur Kollegin, die zum dritten Mal nachfragt, wo eine bestimmte Datei abliegt, nicht zur Kassiererin, die uns unfreundlich an die andere Kasse schickt und nicht einmal zur guten Freundin, die zum x-ten Mal zu spät kommt.

Innerhalb der Familie fallen aber Sätze wie, „Wie oft soll ich dir das noch sagen?“, „Kannst du nicht mal mitdenken?“ oder „Jetzt stell dich nicht so an!“ erstaunlich oft. Und das nicht nur zwischen Eltern und Kindern, sondern auch mit unserem Partner oder der Partnerin reden wir auf eine Art, die wir bei anderen Menschen unhöflich finden würden.

Dabei lieben wir diese Menschen, wie keine anderen. Da ist es doch sehr irritierend, wie wenig freundlich wir im Alltag manchmal miteinander umgehen. Warum machen wir das?

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Zu Hause fällt die höfliche Version irgendwann weg

Selbst an unseren schlechtesten Tagen geben wir uns in der Kommunikation mit Außenstehenden Mühe, nicht unhöflich zu sein. Wir überlegen viel eher, wie etwas ankommen könnte und sagen deshalb eher „Kannst du bitte…?“ statt „Mach das jetzt.“. Wir entschuldigen uns, wenn wir jemanden unterbrechen und selbst wenn uns jemand nervt, schaffen wir es erstaunlich oft, trotzdem halbwegs freundlich zu bleiben.

Zu Hause ist das ganz anders.

Hier wollen wir niemanden beeindrucken, keiner muss denken, wir hätten Nerven aus Drahtseilen oder eine unendliche Geduld. Denn unsere Familie kennt uns sehr gut. Eben auch dann, wenn wir müde, genervt, gestresst oder absolut lustlos sind.

Auf der einen Seite ist das natürlich etwas sehr Gutes, denn zu Hause können wir einfach wir selbst sein. Wir müssen nicht funktionieren, nicht freundlich lächeln und schon gar nicht so tun, als hätten wir alles im Griff. Allerdings führt genau das dazu, dass wir manchmal viel unfreundlicher sind, als wir es sein wollen.

Die Familie bekommt den ganzen Frust ab

Es gibt Tage, da ist einem alles zu viel. Bei der Arbeit lief einiges schief, einkaufen musste man auch noch und ausgerechnet dann hat das Kind etwas vergessen, dass es morgen unbedingt für die Schule braucht. Und erzählt einem nach dem Einkauf davon. Also muss man noch mal los, das Abendessen macht sich auch nicht von selbst und eigentlich wollte man vor einer Stunde schon entspannt auf dem Sofa liegen und den Tag hinter sich lassen.

Und dann fragt noch jemand: „Wo ist eigentlich…?“ und plötzlich kommt die Antwort darauf viel schäfer raus, als sie eigentlich gemeint war.

Die Person, die die Frage gestellt hat, ist dabei oft gar nicht das eigentliche Problem. Sie bekommt nur den Frust ab, der sich über den Tag aufgestaut hat. Fair ist das nicht, aber leider passiert das öfter, als und lieb ist.

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Wir kennen unsere wunden Punkte

Innerhalb der Familie kennt man sich zudem ziemlich gut und genau deshalb weiß man auch ganz genau, wie man den anderen treffen kann und nutzt dieses Wissen auch (unbewusst). Man verfügt schließlich über ein ganzes Wissensarchiv von wunden Punkten.

Mit Fremden hingegen streitet man höchstens über das, was gerade passiert. Und bleibt dabei oft auch ein bisschen höflicher als innerhalb der Familie, weil man weniger persönlich wird. Man weiß schlichtweg nichts über das Gegenüber, das man gegen ihn oder sie verwenden könnte.

Je näher man sich ist, desto mehr erwartet man

Vielleicht reden wir auch deshalb manchmal so ungeduldig miteinander, weil wir gerade von unserer Familie besonders viel erwarten. Zum Beispiel, dass unser Partner oder die Partnerin merkt, dass wir einen schlechten Tag hatten.

Dass das Kind nach 13 Jahren auf dieser Welt eigentlich wissen müsste, dass Schuhe ins Regal und nicht quer in den Flur gehören. Oder dass der Teenager einfach mal versteht, warum wir etwas sagen, ohne das wir es wieder und wieder erklären müssen.

Und wenn jemand unsere Erwartungen nicht erfüllt, reagieren wir schnell(er) genervt. Fremden Personen hingegen gestehen wir zu, dass sie gewissen Dinge (über uns) nicht wissen und reagieren verständnisvoller und geduldiger.

Aber auch Menschen, die uns sehr gut kennen, können keine Gedanken lesen.

Eine Person, viele Erfahrungen mit ihr

Gerade weil man sich in der Familie so gut und lange kennt, reagieren wir oft nicht nur auf das, was gerade gesagt wurde oder passiert ist, sondern auch auf die vielen Male davor.

Sagt der Teenager zum Beispiel, „Ich mach das gleich.“, hören wir nicht nur diesen einen Satz, sondern auch all die Male davor, als er etwas gleich machen wollte: die Wäsche, die seit drei Tagen im Zimmer und nicht im Wäschekorb liegt, die Diskussion, die gestern Abend ‚kurz‘ unterbrochen wurde, die fünf Erinnerungen, die man geschickt hat und auf die gar nicht reagiert wurde. Wir wissen, dass ‚gleich‘ auch bedeutet, dass etwas (für uns) viel zu spät oder gar nicht passiert.

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Entsprechend gereizt reagieren wir also in dem Moment auf das eine ‚Ich mach das gleich‘, meinen damit aber auch all die anderen Momenten, in denen es ‚gleich‘ gemacht werden sollte.

Auf den Teen wirkt das dann natürlich völlig überzogen.

Wir setzen mehr voraus

Familienfremden Menschen erklären wir Dinge oft genauer. Wir überlegen länger, ob unser Gegenüber uns versteht und formulieren anders, wenn etwas nicht angekommen ist. Aber all diese ‚Zwischenschritte‘ lassen wir innerhalb der Familie oft weg. Stattdessen sagen wir „Du weißt doch, was ich meine“, „Darüber haben wir doch schon gesprochen“ oder „Muss ich dir das jetzt wirklich noch(mal) erklären?“.

Aber selbst wenn wir diese Sätze in einem ganz ruhigen Ton sagen, kann es bei anderen Familienmitgliedern ganz anders ankommen. Besonders häufig bei Teenagern. Die bekommen zwar zu Hause ganz viel mit, ziehen aber noch häufiger ganz eigene Schlüsse, was dann eben zu Missverständnissen führt.

In der Familie gibt’s keine Filter

Unsere Familie bekommt uns ganz ungefiltert. Sie erlebt uns lustig, freundlich und geduldig, aber eben auch müde, schlecht gelaunt, ungerecht und gereizt. Und das gehört zum Zusammenleben dazu, schließlich kann niemand rund um die Uhr die beste Version von sich sein.

Und so ist es irgendwie auch ein bisschen normal, dass Familienmitglieder nicht immer respektvoll, ruhig und verständnisvoll miteinander sprechen. Es gibt Türen, die zu laut geschlossen werden, Antworten, die unnötig gemein oder scharf sind, Augenrollen, genervte Seufzer und Sätze, die wir manchmal gerne wieder zurücknehmen würden.

Was danach passiert, ist aber viel entscheidender, als das es mal passiert.

„Tut mir leid“ gehört in jede Familie

Manchmal entschuldigen wir uns ausgerechnet bei den Menschen, die uns am wichtigsten sind, zu selten. Bestimmt, weil wir oft davon ausgehen, dass der andere ja wissen muss, dass wir’s nicht so gemeint haben. Oder auch, weil wir danach wieder normal miteinander sprechen, so als wäre alles erledigt oder nie was passiert.

Aber eine Entschuldigung gehört auch in die Familie. Ein, „Es tut mir leid, dass ich gerade so ausgeflippt bin, obwohl du nur eine Frage gestellt hast. Das war nicht in Ordnung von mir.“ ist nicht nur wichtig für Kinder, weil sie sich dann respektiert wissen, sondern auch, weil Eltern so mit gutem Beispiel voran gehen und zeigen, dass Fehler passieren können.

Gerade weil Familie der Ort ist, an dem wir uns am sichersten fühlen, sollten wir uns nicht darauf verlassen, dass die anderen schon alles wegstecken werden.

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